Mediale Teilhabe

Geschrieben von Masin Al-Dujaili am Tuesday, 19. January 2021 in Gesellschaft und Politik

Ich erinnere mich, in der Anfangszeit des Webs nutzten meine Freund*innen und ich intensiv E-Mail, um uns gegenseitig aufmerksam zu machen auf interessante Artikel und Links. Jede*r von uns hatte andere Interessen, Schwerpunkte und Aufmerksamkeiten, so dass der E-Mail-Verteiler mit einem bunten Mix an an lustigen, spannenden, nachdenklichen, empörenden Links gefüllt war.

Das war noch vor der ersten Dotcom-Blase. RSS-Feeds waren gerade erst erfunden und der breiten Masse noch nicht bekannt (heute hingegen sind sie der breiten Masse nicht mehr bekannt. Der breiten Masse waren sie ungefähr am 29. Februar 2010 bekannt). Viele Medien im Web waren genuine Web-Medien, ohne große Historie in der physischen Welt. Blogs hießen noch Weblogs und wurden in Nepal in Handarbeit hergestellt. Wikis waren abgekürzte Wikinger. Es war die gute alte Zeit.

Mit der Zeit drängten immer mehr Medien ins Netz. Immer mehr Leute kamen auf die Idee, Geschäftskonzepte mit Web-Inhalten zu verbinden. Ehrlich: Ich habe keine Ahnung, wie Internetcompanys in den Nuller-Jahren ihr Geld verdient haben, wenn sie nicht Amazon oder Ebay hießen. Facebook und Twitter hatten beide kein Konzept, aber die Investoren überschütteten sie mit Geld.

Ich pflegte meine Sammlung an RSS-Feeds. Ich hatte für den Desktop RSS-Reader, deren Namen ich längst vergessen habe, Liferea1 oder Feedreader1. Und so wäre es vermutlich weiter gegangen, hätte nicht das mobile Internet dank Apples iPhone eingesetzt, denn auf einmal wollte ich auch mobil meine Feeds lesen. Für Palms Pre gab es den Tea-Reader1, derr gut mit dem Google Reader klarkam. Ich zog meine RSS-Feed-Sammlung zum Google Reader um, der dann aber Google Plänen zur Weltherrschaft vermittels Google+ zum Opfer fiel. Aber für einige Zeit konnte ich meine Feeds an verschiedenen Geräten lesen, der Lesestatus wurde dank Google Reader auf allen Geräten synchron gehalten. Vorher hatte ich mitunter 300 ungelesene Einträge auf meinem Desktop, die ich alle schon am Laptop gelesen hatte (als gelesen markiert, natürlich; ich lese ja nur den Teil, wo Titel und Anrisstext interessant klingen).

Google hob Google+ aus der Taufe, weil Facebook die Aufmerksamkeit seiner Nutzer*innen länger und häufiger binden konnte als Google. Google brauchte aber auch diese knappe Ressource, denn damit machen sie Geld. Für Facebook optimiert gab es dann Inhalte von Firmen, deren einziger Zweck es war, die Aufmerksamkeit der Nutzer*innen einzufangen, Buzzfeed, HuffPost und zahlreiche andere. Immer mehr Aufmerksamkeit fiel unter die Ägide vom Gatekeeper Facebook (und im geringeren Maße Twitter). Immer mehr Inhaltslieferanten boten ihre Inhalte auf Facebook feil, im steten Kampf um die Aufmerksamkeit der Nutzer*innen.

Ich habe mit der Einstellung des Google Readers meine RSS-Feed-Sammlung erst zu Feedly verschoben (lief gut), dann aber beschlossen, Tiny Tiny RSS selbst zu hosten (der Entwickler ist anstrengend, arroganz und teilweise geschichtsvergessen, aber die Software tut, was sie soll). Ich nehme gelegentlich Änderungen an der Zusammenstellung meiner Feeds vor, aber ich habe ansonsten eine relativ stabile Quelle an Quellen.

Angefeuert von der Aufmerksamkeitsökonomie in den sozialen Netzwerken verfielen immer mehr Anbieter auf kleine Informationshäppchen. Sicher spielte auch die Schwierigkeit der Monetarisierung von einzelnen Inhalten eine Rolle, im Endeffekt war es aber das gleiche: Viele kleine Beiträge, die möglichst hohe Reichweite erreichen mussten. Meine RSS-Feeds wurden voller und voller, die Abarbeitung der ungelesenen Beiträge wurde tatsächlich Arbeit von mehreren Stunden täglich. In den sozialen Netzwerken hingegen wird algorithmisch gesteuert die Aufmerksamkeit der Nutzer*innen so weit wie möglich angezapft mit Beiträgen, die ein höchstmögliches Potential an engagement besitzen, also der Eigenschaft, die Leser*innen zur Interaktion mit der Plattform zu bewegen. Bestimmt sitzen in den Firmen hochbezahlte und studierte Fachkräfte, die ganz eigene dafür Metriken haben.

Für die breite Masse aber war der algorithmisch gesteuerte Zugang ein Segen, erlaubte er es ihnen doch, an Nachrichten2 zu kommen, die sie sonst nie erreicht hätten. Und natürlich wurde munter geteilt, was einen am meisten bewegt hat. Skandale, tatsächliche und erfundene, sind dafür hervorragend geeignet. Und in der algorithmisch befeuerten Newsfeed-Welt gibt es ständig Futter für Skandalsucht.

Ich denke, da draußen gibt es gar nicht wenige Menschen, die sich schon von Jugend an aus dem frei verfügbaren Nachrichtenangebot ausgeklinkt haben, da sie ihre Informationen aus ihrem persönlichen sozialen, digitalen Umfeld beziehen, ohne Chance auf ein Korrektiv, weil Korrektive nicht emotionalisieren, sondern moderieren, aber Mäßigung fühlt sich halt ein bisschen an wie Tod, während Emotion sich wie Leben anfühlt. Sie befinden sich in Kreisen, deren Quellen algorithmisch zusammengestellt sind auf Basis von Automatismen, die nicht breite Information zum Ziel haben, sondern Bindung an die Plattformen. Es war nur folgerichtig, dass Facebook WhatsApp gekauft hat, denn die Dynamik zwischen algorithmischen Newsfeed bei Facebook und persönlicher Empfehlung via Messenger wird Facebook nicht entgangen sein.

Meine mediale Teilhabe ist eine, der darauf beruht, dass ich das technische Wissen habe, um mir meine Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Das ist kein Modell für die Masse. Ein Modell wäre der tägliche Besuch vereinzelter Medienangebote, also das digitale Äquivalent zum Blättern in der Tageszeitung, aber dabei sollte man im Hinterkopf behalten, dass die Bild über Jahrzehnte die auflagenstärkste Tageszeitung war. Dass ihre Auflage rückgängig ist, liegt nicht daran, dass die Ansprüche der Leser*innen gewachsen sind, sondern dass der Bild Konkurrenz im Web erwachsen ist, der sie nicht gewachsen ist. Facebook, und später auch Twitter, haben sich vom Konzept ungefilterter Newsfeeds verabschiedet, aber sie stellen das Modell dar, das den größten Erfolg hat. Es ist niedrigschwellig genug, dass auch ohne Technikkompetenz medial teilgehabt werden kann.

Ich bin sicher, mein Gedankenfluss hatte so manchen Sprung, manches hätte mehr Ausarbeitung verdient, aber ich bin es erst einmal los. Danke für die Aufmerksamkeit.

1Angaben ohne Gewähr
2Also an Überschriften, denn den Inhalt liest je eh niemand

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Wissenschaftliche Propaganda

Geschrieben von Masin Al-Dujaili am Tuesday, 3. November 2020 in Gesellschaft und Politik, Gesundheit und Sexualität, Populärwissenschaft, Schule und Bildung

Ich gebe es offen zu: Ich bin wissenschaftlicher Propagandist.

Zum Journalisten, insbesondere Wissenschaftsjournalisten tauge ich nicht. Aber ich verbreite gerne deren Werke, ich propagiere sie. Ich selbst bin wissbegierig, neugierig und zumindest in Ansätzen wissenschaftlich literat. Würde ich ein paar Jahrhundert in die Vergangenheit versetzt werden, ich könnte vielleicht als Universalgelehrter herhalten.

Aber das Lesen könnte ich ja auch allein und im stillen Kämmerlein machen und euch alle unbehelligt lassen. Aber das will ich nicht, weil ich denke, dass eine breitere Kenntnis über das, was in der Wissenschaft so vor sich geht, für die Gesellschaft als ganzes gut ist. Ich mag in nicht wenigen Situation oberlehrerhaft rüberkommen, aber ich kann euch versichern, dass mir die didaktische Ausbildung zum Lehrer fehlt. Nein, vielmehr möchte ich meine Freude an Wissen und Wissenschaft teilen. Ich habe da ganz klar meine Vorlieben – Meere und Meereslebewesen interessieren mich jetzt nicht so dolle. Weltall und Physik liegen weit vorne. Dicht dahinter kommen Medizin und Chemie. Biologie ist ein wenig abgeschlagen. Geschichte ist problematisch, da sie stark Interpretationen unterworfen ist – harte Fakten sind eher die Ausnahme denn die Regel. Das gleiche mit Politik.

Ich freue mich über Menschen, die mich mit Beiträgen aus ihren eigenen Interessensgebieten versorgen, die eine Vorauswahl treffen und das dann in die sozialen Medien bringen. Noch mehr freue ich mich über diejenigen in den sozialen Medien, die zu schätzen wissen, was ich so teile.

Es ist nicht nur persönliche Bestätigung, auch wenn ich ihre Wirkung durchaus zu schätzen weiß. Denn mehr noch befriedigt mich der Gedanke, dass ich die Welt ein kleines bisschen besser mache mit jeder und jedem, die oder der die von mir geteilten Beiträge liest und ein klein wenig daraus mitnimmt. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir als Gesellschaft, als Menschehit, als Gemeinschaft nur weiterkommen, schaffen wir ein Umfeld, in dem wissenschaftliche Erkenntnisse möglichst weite Verbreitung haben. Damit einzelne Menschen herausragende Leistungen vollbringen können, müssen sie gestützt werden von einem Sockel an wissenschaftlicher Offenheit und Belesenheit.

Daher rühren auch andere meiner Positionen: Ich bin kein Freund von Gymnasien, denn auch wenn die Schülerinnen und Schüler dort vielleicht Spitzenabschlüsse erlangen können, schaffen Gymnasien eben keine breite, wissenschaftliche Bildung, da den Schülerinnen und Schülern der anderen Schulzweige der Kontakt zu den Top-Performern fehlt. Ich wage die Behauptung, dass Top-Performer in einem Umfeld mit solidem wissenschaftlichen Sockel mehr leisten könnten, als diejenigen, die noch bessere Abschlüsse erreichen könnten, aber in einem Umfeld weitgehenden Wissenschaftsanalphabetismus arbeiten müssen. Aus dem gleichen Grund halte ich wenig von sogenannten Elite-Universitäten oder Leuchtturmprojekten. Aber ich vermute, solange schon bei den Schulen eine Vorauswahl getroffen wird, ist Kritik an Elite-Einrichtungen witzlos.

Ich mag freies Wissen. Projekte wie die Wikipedia haben vermutlich mehr beigetragen zur Allgemeinbildung als alle Volkshochschulen zusammen. Auch deswegen finde ich, dass viele Gesetze mehr Rücksicht nehmen sollten auf unsere mentale, kulturelle und akademische Allmende.

Wissenschaft und Wissenschaftsjournalismus vermittelt aber auch, wie wunderbar und vielseitig unsere Welt ist, und damit meine ich nicht nur unsere Welt, sondern alles, das Weltall. Ich weiß, dass Menschen spirituelle Bedürfnisse haben (ich sicher auch), und ich finde, es gibt vieles zu entdecken, was auch von spirituellem Wert ist. Dafür braucht es kein Gedankengebäude von fragwürdiger Kohärenz, geschaffen von Menschen, die auf einen deutlich beschränkteren Fundus an Wissen zurückgreifen konnten. Der ständige Prozess des Zweifelns und der neuen Erkenntnis macht bescheiden und demütig – die Sicherheit von heute kann morgen schon widerlegt sein, Wahrheiten gibt es immer nur für den Augenblick. Ich kann auch nachvollziehen, dass Menschen mit Sicherheitsbedürfnis von der wissenschaftlichen Methode eher abgeschreckt sind. Aber ich sehe es als Vorteil: Die Welt ist zu komplex, um sie mit einfachen und statischen Erklärungen begreifen zu können. Wenn wir das akzeptieren lernen, wenn wir das zu leben lernen, reifen wir als Gemeinschaft.

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Preisbildung: Angebot und Nachfrage

Geschrieben von Masin Al-Dujaili am Tuesday, 3. November 2020 in Gesellschaft und Politik

Tim Urban hat auf Wait But Why letztes Jahr eine sehr umfängliche Artikelserie gestartet zum Thema "politischer Diskurs". Heute habe ich endlich Teil 9 beendet (erschienen Dezember 2019) und Teil 10 begonnen (erschienen Januar 2020). Solange gammelte der Tab von Teil 9 im Firefox meines Tablets vor sich hin.

Teil 10 hat einen Abschnitt zum Thema "Polarisierung der Parteien", wo unter anderem das Kriterium "Most corporations make a fair and reasonable amount of profit" (etwa "die meisten Firmen erzielen einen gerechten und vernünftigen Profit") zur Unterscheidung zwischen "rechts" und "links" im politischen Spektrum herangezogen wird. Abgesehen davon, dass ich das Kriterium erst "andersherum" verstand –machen die Firmen genug Profit, um überleben zu können–, juckte mich die Attribuierung "fair" und "vernünftig".

Profit ist ja vereinfacht erstmal der Teil, der nach Abzug aller Kosten und Abgaben übrigbleibt. Es ist schwierig in verständliche Worte zu fassen, was das für eine Firma bedeutet, da Firmen ja unterschiedliche Rechtsformen haben können, aber simpel ausgedrückt, dürfte das mit dem Einkommen, Lohn, Gehalt vergleichbar sein, wäre die Firma eine Person (Konzept der juristischen Person mal außen vor gelassen), nur dass Miete, Lebensunterhalt und alles andere an diesem Punkt längst beglichen sind.

Mich interessieren hier nur die Firmen, die Produkte herstellen oder verkaufen und Dienstleistungen feilbieten, also jene Firmen, die Kunden haben, welche wiederum für Produkte oder Dienstleistungen zahlen.

In der Wirtschaft wird ja gerne von Angebot und Nachfrage schwadroniert, wenn es um die Preisbildung geht. Wird etwas stark nachgefragt, steigt der Preis bei gleichbleibendem Angebot, ebenso bei gleichbleibender Nachfrage und verringerndem Angebot.

Das beschert aber nur dann einen Profit, wenn die Ware zu einem Preis oberhalb ihrer Herstellungskosten verkauft werden kann.

Je billiger etwas in der Herstellung ist, desto geringer kann die Nachfrage sein, so dass sich ein Angebot lohnt. Der heilige Gral wäre dann ein Produkt, was umsonst hergestellt werden kann und jeder will und braucht. Sonnenlicht, Luft und Wasser fallen wohl in diese Kategorie (hey, Nestlé, ich weiß, was du vorhast).

Entsteht daraus aber ein Profit, der "fair" und "vernünftig" ist?

Aktuell gibt es ja so an die vier "Dinge", deren Preis öffentlich in Frage gestellt werden.

Der Apple Appstore

Epic ist der Meinung, dass die 30-Prozent-Abgabe an Apple für Verkäufe über den Appstore zu hoch sei. Ich finde online die Angabe, dass Apple 2019 mit dem Appstore 50 Milliarden umgesetzt habe, also 15 Milliarden an Apple flossen. Apple machte 2019 einen Gewinn ("gross profit") von knapp 100 Milliarden. Die Kosten für den Betrieb des Appstores kann ich leider nicht finden. Ich wage die Behauptung, dass es nicht mal 1 Milliarde ist, und darin dürften die Kosten für Server, Leitungen, Strom und Personal in Administration, Support und App-Prüfung bereits enthalten sein.

Wohnungsmieten

Nicht erst durch den Mietendeckel und dessen Vorgeschichte gerieten Mieten in die Kritik. Woraus setzt sich eigentlich ein Mietzins zusammen? Ein*e Vermieter*in hat natürlich Kosten für die Wohnungen zu tragen. Die Gebäude mussen in Schuss gehalten werden, sie müssen technisch und ökologisch gepflegt und aufgerüstet werden usw. Aber steigen diese Kosten in dem Maße wie die Anforderungen an die Wohnungen?

Traditionellerweise werden Wohnungsmieten anhand des Preisniveaus des Wohnumfelds festgesetzt. Vermutlich bin ich damit nicht alleine, aber es braucht wohl zumindest eine ansatzweise mathematische Begabung, um zu erkennen, dass diese Tradition eine Rückkopplung darstellt. Eine Miete wird erhöht, weil die Mieten im Wohnumfeld erhöht wurden. Da muss sich nichts an der Wohnungsausstattung geändert haben.

Gänzlich bizarr wird es, wenn der Staat verlangt, dass Vermieter*innen ihre Mieten anheben müssen, wie es mehrfach in München passiert ist.

Krankenversicherungen

Weniger in Deutschland (oder Europa) und mehr in den USA ein Thema, aber mit dem zweigleisigen System in Deutschland haben wir unser ureigenes Problem geschaffen. Ob es ein Problem ist, kann natürlich jede*r selbst für sich entscheiden – ich empfinde so.

Das Preisbildungsproblem jedoch sehe ich eher in den USA. Versicherungen werden von profitorientierten Firmen angeboten, die natürlich kein Interesse daran haben, ihre Ausgabenseite zu erhöhen, weswegen das Versichern von Menschen mit Vorerkrankungen prohibitiv teuer ist.

Arzneimittelkosten

Eng verwandt mit dem vorigen Punkt sind die Arzneimittelkosten. Sprichwörtlichen Nicht-Ruhm erlangten sie durch die "Apothekerpreise". Aber auch das Preisgefälle zwischen patentierten und generischen Medikamenten (ich weiß, es ist nicht der korrekte Gegensatz, aber hier passend) erregt immer wieder die Gemüter.

Was ist "fair", was ist "vernünftig"?

Es gibt sicher noch mehr aktuelle Beispiele. Ich könnte mich an Immaterialgütern wie Musik und Software abarbeiten, aber ich lasse das mal. Nur so viel: Näher an kostenlose Produktion kommt man wohl kaum als über Immaterialgüter.

Bezeichnend für die obigen Beispiele ist, dass der Preis nicht durch Angebot und Nachfrage gebildet wird, sondern durch die Eliminierung von Alternativen, mithin also dem Ausschalten von Wettbewerb.

  • Apple kann die 30 Prozent verlangen, weil es keinen anderen Weg auf deren Plattform gibt.
  • Günstigere Wohnungen in anderer Lage sind eben keine Alternative, weil man nicht die Wohnungsausstattung mietet, sondern die Wohnungsausstattung in konkreter Lage. Davon hängen so viele andere Aspekte ab, dass Menschen mitunter keine andere Wahl haben, als die höhere Miete zu zahlen. Wem die Mieten in München oder Berlin zu hoch sind, kann eben nicht einfach 150 Kilometer weiter weg ziehen – das soziale Umfeld, die Arbeit, die Infrastruktur ziehen alle nicht mit.
  • Ich gebe zu, Versicherungen sollten am ehesten noch in Wettbewerb miteinander treten, aber ich vermute, sie befinden sich in einem Gleichgewicht, wo sie das Maximum an Profit erwirtschaften können. "Kund*innen" haben praktisch keine Möglichkeit, zu einem Wettbewerber zu gehen, weil der gleichermaßen teuer ist. Hinzukommt, dass in den USA Versicherungen wohl oft an den Arbeitgeber gebunden sind. Vielleicht weiß jemand meiner Leser*innen mehr darüber.
  • Arzneimittel werden unter Monopolschutz verkauft. Das Patentsystem ist ja explizit dafür geschaffen worden, um Erfinder*innen einen Zeitraum zu bieten, wo sie ihre Erfindung ohne Wettbewerb anbieten können.

Können unter solchen Bedingungen Profite "fair" und "vernünftig" entstehen?

Was ist für mich "fairer" und "vernünftiger" Profit?

Erstmal erkenne ich an, dass Firmen Profit erwirtschaften wollen und müssen. Sie sollen ihre Produkte und Dienstleistungen nicht verschenken müssen.

"Vernünftig" ist für mich ein Profit, der ausreicht, um ihn in die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit zu stecken. Das klingt natürlich toll, ist aber wischiwaschi. Was soll das denn bedeuten?

"Vernünftig" sind Profite, wenn sie das Überleben einer Firma auf einem Markt ermöglichen. "Fair" sind Profite, wenn sie Kund*innen wirtschaftliche oder emotionale Vorteile bringen. Auch das: viel zu unkonkret. Aber vielleicht ist die Richtung erkennbar.

"Fair" ist der Profit, der so klein ist, dass er gerade noch "vernünftig" ist. Es wird abstrakt. Aber immerhin kann ich jetzt eine Aussage treffen: Fairer Profit ist geringer als vernünftiger Profit. "Fair" spiegelt hierbei die Interessen der Kundschaft wider, während "vernünftig" die Interessen der Firma widerspiegelt. Jetzt kann ich es als Interessensausgleich betrachten. Es bringt mich einer Antwort noch nicht wirklich näher, aber emotional empfinde ich das beruhigender.

Idealerweise ist Profit also eine Aushandlung zwischen der Gesamtheit aller Kund*innen einer Firma und der Firma selbst. Kund*innen wollen so wenig wie möglich zahlen, Firmen so viel wie möglich einnehmen. Sie treffen sich kurz oberhalb des Punktes, wo die Firma sagt: "Nee, das lohnt sich für mich dann nicht". Es bleibt die Frage, ab welchem Profit "lohnt" es sich für eine Firma, ihr Produkt oder ihre Dienstleistung zu verkaufen?

Ich bin eine Firma, hypothetisch. Ich biete ein Produkt an, meine Arbeitskraft und mein Knowhow, also eigentlich eine Dienstleistung. Meine Kund*innen sind andere Personen oder Firmen. Meine Ausgaben zur Erbringung meiner Dienstleistung setzen sich zusammen aus Lebenshaltungskosten, Schuldendienst (Kredit für Haus) und Mobilität, grob gesagt. Andere würden den Schuldendienst durch Miete ersetzen.

Meine Kund*innen würden den Standpunkt vertreten, ich müsste ja nur obige Ausgaben mit meiner Dienstleistung erwirtschaften. Ich hingegen habe das Interesse, Geld für Konsum und Vergnügen zur Verfügung zu haben. Meine Kund*innen stimmen mit mir überein, also soll ich 60 Stunden pro Woche meine Dienste erbringen, dann blieben mir am Wochenende 24 Stunden, um meinem Vergnügen zu frönen und am Konsum teilzuhaben.

Komische Rechnung? Ja, denn ich impliziere, dass meine Kund*innen mein Zeit-, Konsum- und Vergnügungsbudget bestimmen. Und vor 100 Jahren, na, mittlerweile eher 150 Jahren waren solche Bestimmungen vermutlich noch alltäglich. Es gab einen gesellschaftlichen Konsens darüber, welches Maß an Konsum und Teilhabe an Vergnügungsmöglichkeiten akzeptabel ist. Mein Gedankengang mag sich im Text nicht vollständig wiederfinden; ich hoffe, meine Leser*innen können die Lücken selbständig schließen.

Worauf ich hinaus will: Was ein fairer und vernünftiger Profit ist, ist Ergebnis eines gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses. Was darüber liegt, wird als Wucher und obszön empfunden. Unsere Wirtschaftswelt ist aber mittlerweile an einem Punkt angekommen, wo die Wahrnehmung von Preis, Preisbildung und Profit entkoppelt ist. Am ehesten erregt das wohl noch da, wo es die Lebensrealität am meisten berührt, den eigenen vier Wänden, wo Mieter*innen miterleben, wie sie Jahr für Jahr mehr zahlen müssen, obwohl sie keine Mehrleistung erhalten.

Der Beitrag dreht sich zwar nur um Profit und Preisbildung, aber Profitsteigerung ist unmittelbar ein Teil der Fragestellung. Wie weit kann ein*e Anbieter*in den Preis und damit den Profit steigern, bevor es zu einer Gegenbewegung kommt? Apple verspricht Sicherheit durch Prüfung, scheitert aber immer wieder damit. Zumal es kein Argument ist, alternative Bezugsquellen nicht zuzulassen. Sie könnten mit ihrem Sicherheitsversprechen ja in den Wettbewerb gehen. Stattdessen kämpft Apple um seine Gatekeeper-Rolle, damit ihr schönes, kleines und profitables Monopol erhalten bleibt. Vermieter*innen geben sich nicht mit dem steten Fluss an Mietzins zufrieden, sondern erwarten alljährliche Steigerungen. Und Jahrzehnte lang kamen sie damit durch, auch weil die Gehälter halbwegs im selben Maße stiegen (was natürlich auch die Ausgabenseite der Vermieter*innen beeinflusste, denn Handwerker*innen und Hausmeister*innen wollen auch bezahlt werden). Seit Mieter*innen aber nicht mehr mit regelmäßigen Gehaltssteigerungen zu rechnen haben, rücken die Ausgabensteigerungen durch Mieterhöhungen stärker in den Fokus: Welchen Mehrwert leisten die Vermieter*innen, um die Mieterhöhung zu rechtfertigen? Die Gehälter stagnieren weitgehend oder zumindest die Kaufkraft. Damit kann die höhere Miete nicht gerechtfertigt werden. Und ob Modernisierungen, die die Ausgabenseite der Vermieter*innen senken, von den Mieter*innen gestemmt werden müssen, fragen sich viele zurecht. Und welchen Wert hat ein Medikament, was jenseits der Grenze zu einem Bruchteil des hiesigen Preises offensichtlich immer noch profitabel verkauft wird? Es liegt sicher nicht daran, dass Medikament jenseits der Grenze im Überangebot steht oder weniger nachgefragt wird.

Anbieter*innen schauen natürlich, womit sie durchkommen können. Solange ihr Produkt oder ihre Dienstleistung –notfalls unter Murren– gekauft wird, können sie zufrieden sein. Deswegen gibt es aber auch immer wieder die Forderung, mit dem Portemonnaie abzustimmen, also manche Sachen gar nicht erst einzukaufen, solange die eine oder andere Geschäftspraktik nicht abgestellt wird. Das klappt aber nur in Märkten, wo die Bedürfnisse annähernd gleichwertig anderweitig befriedigt werden können. Der Wohnungsmarkt und der Arbeitsmarkt sind zwei Märkte, wo das nicht geht. Apple hat sich selbst einen Markt geschaffen, wo die Kund*innen das nicht können. Und das Gesundheitswesen im ganzen ist ebenfalls ein Markt, wo das nicht geht.

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Pflichtdienst im Gesundheitswesen

Geschrieben von Masin Al-Dujaili am Wednesday, 25. March 2020 in Gesellschaft und Politik

Ich bin kein ausgewiesener Experte, kein Politiker oder Jurist. Nur interessierter Laie.

In den vergangenen Wochen seit Ausbruch der Pandemie ist klargeworden, dass zu Schönwetterzeiten Kapazitäten zur Krisenbewältigung nicht vorgehalten werden, weil sie große Kosten verursachen. Erst heute habe ich gelesen, dass die Experten vom Robert-Koch-Institut die heutige Situation für die Regierung wie in einem Drehbuch beschrieben hätten:

2013 wurde dem Bundestag eine Risikoanalyse des Robert Koch-Instituts für gerade dieses Szenario vorgestellt. Dass sich die Risikoanalyse vom 10.12.2012 nicht einmal acht Jahre später wie ein Drehbuch dessen liest, das wir gerade durchleben, kann man als blanke Ironie ansehen, wenn man bedenkt, dass die Bundesregierung diesen Bericht ersichtlich nicht zum Anlass genommen hat, entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Im Hinblick darauf wird man zur gegebenen Zeit fragen müssen, ob wir hier Zeug*innen eines beispiellosen Versagens geworden sind und wie wir das in Zukunft vermeiden können.

Nun ist es ja nicht so, dass das das erste Mal gewesen wäre, dass Krisen vorhergesehen wurden. Ich erinnere mich daran, dass seit 2011 oder 2012 vor einer großen Flüchtlingsbewegung nach Europe gewarnt worden wäre, auf die Europa nicht vorbereitet sei. Man hatte also mehrere Jahre, um Kapazitäten an Flüchtlingsunterkünften aufzubauen oder vor Ort zu helfen, bevor 2015 das Szenario tatsächlich eintrat.

Jetzt ist es so, dass es zumindest einen Bereich gibt, wo Kapazitäten vorgehalten werden, ohne dass sie akut benötigt würden: beim Militär. Ca. 25 Milliarden Euro jährlich bezahlen wir gemeinschaftlich, um uns ein Militär zu finanzieren, das seiner Aufgabe der Landesverteidigung wohl nie nachkommen wird. Warum hier mit zweierlei Maß gemessen wird, kann ich nur vermuten, aber neben historischen Gründen kann ich mir auch vorstellen, dass ein stehendes Heer gewisse patriarchalische Neigungen befriedigt, die ein ausreichend großes Gesundheitssystem oder Kapazitäten zur humanitären Hilfe nicht befriedigen können.

Aber vielleicht lässt sich vom Militär ja was für den Krisenfall lernen. Ich denke da an den guten alten Wehrdienst. Im Moment scheint ja eines der Probleme der schnellen Aufstockung an Intensivpflegebetten zu sein, dass gar nicht ausreichend Personal da sei. Vielleicht ließe sich dem abhelfen, wenn es eine Art Pflichtdienst im Gesundheitswesen für alle Schulabgänger gebe, 12 Monate nach der Schule oder Ausbildung. Dazu Pflegekraft auf Zeit für 4, 8 oder 12 Jahre (PaZ4, PaZ8, PaZ12). Und natürlich Berufspflegekräfte. Dazu eine Pflegekraftreserve, die im Krisenfall "einberufen" werden kann.

Das bringt natürlich nichts, wenn man 10 Jahre nach dem eigenen Dienst einberufen wird, man hat ja alles vergessen – es braucht regelmäßige Auffrischungen, z.B. jedes Jahr zwei Wochen oder alle 4 Jahre ein Monat. Das hilft auch, mit dem Stand der Technik halbwegs vertraut zu sein.

Ich gebe es offen zu: Ich habe meinen Pflichtdienst nicht leiden können. Rückblickend war es eine lehrreiche Zeit, aber ein Einschnitt in meine Planungen war es auch. Und ich sehe auch nicht, dass der Zeitgeist eine solche Maßnahme unterstützen würde – zu groß sind heute wohl die Widerstände gegen solche Einschnitte in die selbstbestimmte Berufs- und Lebensplanung. Aber es wurde in der Diskussion um Kontakt- und Ausgangssperren nach Alternativen gefragt. Und wenn das Gesundheitssystem flexibel auf die Erfordernisse reagieren könnte, müssten solche Diskussionen nicht geführt werden. Dafür würden halt Einschnitte an anderer Stelle stattfinden. Und darüber müsste diskutiert werden.

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Facebook und "missbräuchliche Inhalte"

Geschrieben von Masin Al-Dujaili am Monday, 23. December 2019 in Gesellschaft und Politik

Ich nutze diesen Eintrag mal als Merkzettel für die Inhalte, die Facebook als "missbräuchlich" eingestuft hat. Gilt ein Inhalt als missbräuchlich, kann er weder geteilt, noch als Kommentar gesetzt, noch per Messenger versendet werden.

Der gesamte Geschichtsblog, wobei es mir konkret wegen des Eintrags »Im Kern verbrecherisch - Kann man bei der Wehrmacht Leistungen würdigen?« auffiel.

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Erlösung und Algorithmen

Geschrieben von Masin Al-Dujaili am Sunday, 10. February 2019 in Gesellschaft und Politik, Technik

Erlösung. Lasst uns über Erlösung reden. Damit meine ich die spirituelle Erlösung.

Kann es sein, dass des Menschen größte Erlösung ist, von der Verantwortung seines eigenen Treiben freigesprochen zu werden? Die Welt so erklärt werden kann, dass jeder und alle Gruppen, mit denen er sich identifiziert, frei von Schuld seien?

Aber ganz ohne Schuld geht es ja auch nicht, denn irgendwas Schlimmes passiert ja doch in der Welt, also braucht es Schuldige. Da man selber keine Verantwortung hat und demnach nicht Schuld sein kann –oder ist man nicht schuld und hat demnach keine Verantwortung?–, muss es jemand anders sein.

Spannend finde ich, dass es nie ohne Absicht geht. Es passiert was Schlimmes? Jemand _wollte_, dass dieses Schlimme passiert! Das kann wohl als böse bezeichnet werden, und die Person oder Gruppe als das Böse. Früher hielt noch der Teufel dafür her, heute sind es Verschwörer, die Geheimdienste, Juden (naja, das ist nicht neu), Rothschilds, Soros, das Kapital (alle drei als Stellvertreter für "die Juden") oder –ganz abgefahren– Aliens, Echsenmenschen, Hohlweltler.

Wie komme ich darauf? Deswegen.

Guillaume Chaslot beschreibt darin, wie der Empfehlungsalgorithmus von YouTube schon nach kurzer Zeit Verschwörungsphantasien befeuerte, weil einige wenige Intensivnutzer ihm beibrachten, dass darüber die Aufmerksamkeitszeit maximimiert werden kann. Und diese Videos bieten genau das an, was diese Zielgruppe offensichtlich am meisten ersehnt: Erlösung. Erlösung von der Last, selber an ihrem Zustand, der ihnen so viel Zeit auf YouTube beschert, schuld zu sein. Es sind natürlich Ausländer, Migranten und Flüchtlinge, die ihm die Arbeit wegnehmen und seinem Staat Fantastilliarden an Geld kosten, die ansonsten ihm zustünden. Es sind böse Ölmultis (Rockefeller, bestimmt auch Juden) und Echsenmenschen, die die Vermarktung seines Perpetuum Mobiles behindern. Es sind die Verschwörer der NWO und deren Geheimdienste, die Chemtrails versprühen und mittels HAARP jedwede selbstverständlich ihm innewohnende Brillianz und Grandesse unterdrücken.

Natürlich kann es sein, dass er oder sie vollkommen unverschuldet in diese Lebenslage gerutscht ist. Den Unterschied macht aber aus, ob er oder sie sich als Kollateralschaden wirtschaftlicher Umstände und Unglücke sieht oder als Opfer finsterer Machenschaften und Umtriebe.

Und YouTubes Empfehlungsalgorithmus bietet eben auch Erklärungen, die klar benennbaren Personen oder Gruppen die Verantwortung dafür zuschieben. Videos über Wirtschaftstheorie und -politik sind eben keine Hingucker.

Dieser Tweet bringt es auf den Punkt:

Falls jemanden die Anspielung nicht auffällt, sie stammt hierher: "Suppose we have an AI whose only goal is to make as many paper clips as possible. The AI will realize quickly that it would be much better if there were no humans because humans might decide to switch it off. Because if humans do so, there would be fewer paper clips. Also, human bodies contain a lot of atoms that could be made into paper clips. The future that the AI would be trying to gear towards would be one in which there were a lot of paper clips but no humans." ( Nick Bostrom, as quoted in "Artificial Intelligence May Doom The Human Race Within A Century, Oxford Professor Says")

Die gute Nachricht ist, dass Google wohl jetzt an der Stellschraube dreht, mit der beständig neue Süchtige nach Erlösung geschaffen wurden. Wir werden sehen, welche Auswirkungen das hat.

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